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Eine Linie, zwei Welten: Von Klein-Hollywood zur Sternen-Schau

Eine Linie, zwei Welten: Von Klein-Hollywood zur Sternen-Schau

Wir fahren jeden Monat mit einer Linie der BVG durch die Stadt. Dabei porträtieren wir zwei Kieze entlang der Strecke. Folge 102: vom Caligariplatz zur Fröbelstraße. Caligariplatz Als Kulturkiez wird die Schnittstelle der Bezirke Weißensee und Prenzlauer Berg nicht wahrgenommen. Zu Unrecht: Denn unweit der Haltestelle Prenzlauer Promenade/Am Steinberg entstehen die Kulissen und Bühnenbilder der Theaterstücke an der Volksbühne. Wir gehen weiter in Richtung Süden, wo sich mit der Brotfabrik ein Kunst- und Kulturzentrum befindet.

Foto: Seit Herbst 2002 heißt die Fläche vor der Brotfabrik Caligariplatz.

In den Räumen einer ehemaligen Bäckerei bleibt seit 1952 der Ofen aus. Auch die danach eröffnete Seltersfabrik wurde nur für kurze Zeit genutzt. Das Hauptgebäude diente später einer Großküche als Lager. Schließlich eröffnete nach einem Umbau 1986 der Jugendclub „An der Weißenseer Spitze“, der eine kurze Zeit lang Live-Konzerte und Diskothekenabende veranstaltet. Hier formierte sich das freie Ensemble „Theater an der Spitze“ – Off-Theater besaß in der DDR Seltenheitswert. Nach dem Mauerfall wandelte sich der Club in ein Kunst-Kulturzentrum um, das seit 1990 unter dem Namen Brotfabrik firmiert und somit auf die Geschichte des Hauses verweist. Ein exzellent kuratiertes Kinoprogramm, ein innovatives Theater, spannende Lesungen, Ausstellungen und das Café bescheren dem Kunst- und Kulturzentrum ein Publikum, das dafür auch einen längeren Anfahrtsweg in Kauf nimmt.

Foto: Das ehemalige Stummfilmkino Delphi ist heute ein Theater.

Filmdebüt von Marlene Dietrich Auf Initiative der Brotfabrik heißt die Freifläche vor dem Gebäude seit 2002 Caligariplatz. Der Name verweist auf die Stummfilmzeit: Ab 1913 siedelten sich in Weißensee Filmateliers an. Marlene Dietrich stand hier das erste Mal vor der Kamera. Renommierte Regisseur*innen wie Fritz Lang gaben sich die Klinke in die Hand.  Am bekanntesten ist sicherlich Robert Wienes expressionistisches Meisterwerk „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920), das mit seinem manipulativen Protagonisten als Allegorie auf den aufkommenden Nationalsozialismus gelesen wird. Der Film feierte seine Premiere im Marmorhaus im Stadtzentrum, wenngleich mit dem Delphi ein berühmtes Kino vis-á-vis der Brotfabrik existiert. Jedoch wurde dies erst Ende 1929 eröffnet – ein Jahr nachdem die cineastische Blütezeit durch den Siegeszug des Tonfilms zu Ende ging.

Foto: Gewerbetreibende fanden in den Ruthenberg’schen Höfen Ateliers und Werkstätten.

„Auch der Tonfilm hatte in diesem Haus nur eine kurze Relevanz“, erläutert Nikolaus Schneider, künstlerischer Leiter des Theaters im Delphi. „Unser Theater- und Konzertprogramm heute bewegt sich immer nah am aktuellen Zeitgeschehen. Selten zeigen wir auch noch Stummfilme und erweisen damit dem Denkmal Ehre. Nicht zuletzt sind es auch Filmdrehs wie die Serie ‚Babylon Berlin‘, welche an die 1920er-Jahre erinnern.“In dieser Dekade erlebten auch die unweit befindlichen Ruthenbergschen Höfe ihre Hochzeit.

Foto: An der Ecke Thulestraße/Prenzlauer Chaussee befinden sich die Werkstätten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Die roten Klinkerbauten mit den markanten grünen Dächern zwischen Ostsee-, Roelke-, Langhans- und Goethestraße ließ Carl Ruthenberg ab Ende des 19. Jahrhunderts errichten. Der Bauboom in Berlin hatte zuvor zahlreiche Gewerbetreibende aus der Stadt gedrängt. Dies betraf Ruthenberg selbst. Er fertigte zuvor in Friedrichshain Goldleisten, verlagerte die Produktion aber nach Weißensee, damals noch vor den Toren der Stadt gelegen. Zugleich schuf er ein Areal, in dem Gewerbetreibende bezahlbare Räumlichkeiten fanden. Dies spiegelt auch die aktuelle Entwicklung wider: Seit dem Jahr 2000 siedelt sich wieder Gewerbe an, aber ebenso finden auf dem Areal Lesungen oder Konzerte statt. Fröbelstraße Nach nur wenigen Minuten Fahrzeit erreicht die Tram die Haltestelle im Prenzlauer Berg. Blickfang ist das 1987 eröffnete Zeiss-Planetarium am Rand des Ernst-Thälmann-Parks. Heute ist es ein „Wissenschaftstheater“, in dem neben Veranstaltungen zu astronomischen Themen auch Lesungen, Hörspiele und Musik-Events stattfinden.

Foto: Der Gebäudekomplex an der Prenzlauer Allee/Fröbelstraße steht unter Denkmalschutz.

Klinikum und Verwaltung  Das südlich anschließende Gebäudeensemble in Ziegelbauweise mit Klinkerfassaden entstand Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen von Hermann Blankenstein. Das „Städtische Hospital und Siechenheim“ sowie das „Städtische Obdach“ in der Fröbelstraße 15 – damals eine der ersten Hilfseinrichtungen für Obdachlose in Europa – blieben bis zur Zeit des Nationalsozialismus in Betrieb. In das Areal an der Prenzlauer Allee zog das Bezirksamt ein, das ab 1920 auf verschiedene Standorte im Bezirk verteilt war.

Foto: Nördlich des Planetariums schließen sich die Gleise der Ringbahn und Wohngebiete an.

Das Obdachlosenasyl wurde zum Krankenhaus umgewidmet. 1942 schufen die Nationalsozialisten auf dem Areal ein Durchgangslager für Kriegsgefangene, die von hier zur Zwangsarbeit rekrutiert wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg verhörte die sowjetische Militärkommandantur (SMAD) in der Kapelle Menschen, denen sie vorwarf, mit den Nationalsozialisten kollaboriert zu haben.

Foto: Das ehemalige Heizhaus an der Fröbelstraße dient heute als Lagerfläche des Bezirksamts.

Ein Teil des Gebäudeensembles wurde ab 1950 von der Berliner Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR genutzt, die in einem der Keller auch eine Haftstätte einrichtete. Nach dem Auszug der Staatsicherheit übernahm der  Rat des Stadtbezirks Prenzlauer Berg das komplette Gebäudeensemble, wo schließlich kurz nach dem Mauerfall das erste Arbeitsamt im Bezirk eingerichtet wurde. Autor/Fotos: Ronald Klein

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