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Eine Linie zwei Welten: Von der Marina zur Parkeisenbahn

Eine Linie zwei Welten: Von der Marina zur Parkeisenbahn

Aus der Bahn steigen, 100 Meter laufen und dann den Sandstrand unter den Füßen spüren – so könnte ein Werbeslogan für das 9-Euro-Ticket lauten. Auf der Tramlinie 60 wird dieser Traum zur Wirklichkeit. Von der Haltestelle Josef-Nawrocki-Straße aus ist das Seebad Friedrichshagen nur wenige Minuten Fußweg entfernt. Bild: Das Strandbad Friedrichshagen bietet mit seinem Sandstrand maritimes Flair. Bereits seit 1896 entspannten im ehemaligen Wilhelmsbad gestresste Berliner*innen, während die Kinder Sandburgen bauten oder in der weiten Flachwasserzone planschten. Sonnenbadende beobachteten die Boote, die an den benachbarten Verleihstationen an der Müggelspree starteten. Ab Ende des 19. Jahrhunderts brachte hier eine dampfgetriebene Kettenfähre Ausflügler*innen aus Köpenick nach Friedrichshagen, das erst seit 1920 zu (Groß-)Berlin gehört. An manchen Sonntagen wurden mehr als 40.000 Menschen gezählt. Die Fähren gerieten an die Belastungsgrenze und die Stadtplaner*innen suchten nach neuen Konzepten. Den Bau einer Fußgängerbrücke lehnte die Schifffahrtsbehörde 1918/1919 ab. So entstand ab 1926 der erste Tunnel aus Eisenbeton, bei dem mit einem Senkkasten als Fundament unter der Wasseroberfläche gearbeitet wurde. Die Inbetriebnahme des Spreetunnels erfolgte 1927. Bei einer aufwendigen Sanierung im Jahr 2015 konnte der Wunsch nach einem Aufzug aus bautechnischen Gründen leider nicht realisiert werden. Dem Ortsteil und seinem Seebad setzte der Regisseur Leander Haußmann, der nach eigener Aussage in der vierten Generation in Friedrichshagen wohnt, ein liebevolles Denkmal. 2012 fanden hier die Aufnahmen der anarchischen Low-Budget-Komödie „Hai-Alarm am Müggelsee“ statt, in der die Theater- und Oper-Intendanten Frank Castorf und Jürgen Flimm selbstironisch eine moderne Version der grantelnden Muppet-Figuren Waldorf und Statler geben. Gegen den Hai hilft nur Gerstensaft Im Film vertreiben die Friedrichshagener*innen den Hai, indem sie Unmengen von Bier aus der Brauerei Berliner Bürgerbräu ins Wasser leiten. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten wurde in dem markanten Gebäude am See aber bereits seit zwei Jahren kein Bier mehr produziert. Dabei handelt es sich um einen historischen Standort, der einst in königlicher Hand war und 1852 privatisiert wurde. 1888 erfolgte die Umbenennung in Brauerei Müggelschlößchen. 10.000 Hektoliter flossen jährlich in Bierfässer, die man mit Dampfschiffen abtransportierte. Die Menge stieg bis 1929 auf beeindruckende 300.000 Hektoliter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen in der DDR in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt und 1990 schließlich wieder privatisiert. Zwischen 1992 und 2010 braute man hier das KaDeWe-Premium-Pilsner. Seitdem ist die Anlage stillgelegt und die Zukunft des Gebäudes offen. Bild: Die Bürgerbräu-Brauerei wurde 2010 außer Betrieb genommen. Deutlich lebendiger geht es auf der Bölschestraße zu, die vom Müggelseedamm knapp 1.300 Meter in Richtung Norden zum Fürstenwalder Damm führt. Die wichtigste Einkaufsstraße Friedrichshagens zeichnet sich durch ihre architektonische Vielfalt aus: Unter anderem Gründerzeit- und Jugendstil-Bauten befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. 100 Baudenkmäler können allein in der Bölschestraße entdeckt werden. Der Name der Straße geht auf den Schriftsteller Wilhelm Bölsche (1861–1939) zurück, der ab 1890, mit kurzen Unterbrechungen, bis 1918 in Friedrichshagen wohnte, unter anderem in der heutigen Peter-Hille-Straße 66, später in der Ahornallee 61. Bölsche gilt als Mitbegründer des modernen Sachbuches, er popularisierte beispielsweise Erkenntnisse von Charles Darwin und Ernst Haeckel. Bild: Der Müggelseedamm mit seinen prachtvollen Bauten entstand etwa 1873 aus einem historischen Postweg. Vor allem ist Bölsche neben Bruno Wille eine der zentralen Personen des Friedrichshagener Dichterkreises. Dabei handelt es sich um eine lose Vereinigung von Autor*innen, die dem Naturalismus nahestanden. Nach ersten Treffen bei Gerhart Hauptmann in Erkner verlagerten sich die Zusammenkünfte ab 1888 zusehends in die Häuser von Bölsche und Wille nach Friedrichshagen. Hier verkehrten beispielsweise Lou Andreas-Salomé, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Knut Hamsun und kurzzeitig auch August Strindberg. Freizeit- und Erholungszentrum  Eine knappe halbe Stunde dauert die Straßenbahnfahrt von der Josef-Nawrocki-Straße zur Haltestelle Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) in der Wuhlheide, einem städtischen Waldgebiet zwischen den Ortsteilen Köpenick und Oberschöneweide. Anders als Friedrichshagen gehörte das Areal bereits vor dem Zusammenschluss von Großberlin zur Stadt, die das damals 525 Hektar große Gebiet bereits 1911 mit dem Ziel der Trinkwassergewinnung erwarb. Östlich der Trabrennbahn Karlshorst entstand hier ein Wasserwerk, das mit dem Wasserwerk Friedrichshagen einen Verbund bildet. Im Jahr 2014 feierte das inzwischen denkmalgeschützte Gebäudeensemble das 100. Jubiläum. Bild: Baumwipfel erobern Familien im Kletterwald unweit des FEZ. Kurze Zeit nach dem Bau der Anlagen fanden weitere Baumaßnahmen in der Wuhlheide statt: Der Volks- und Waldgarten Wuhlheide entstand zwischen 1919 und 1931 nach Plänen von Ernst Harrich. Große Teile des Erholungsgebiets wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Im östlichen Teil der Wuhlheide errichtete die DDR 1950 anlässlich des Deutschlandtreffens der Jugend und Studenten ein Pionierlager, aus dem der Pionierpark Ernst Thälmann hervorging. Mitte der 1950er-Jahre wurde eine Schwimmhalle errichtet, es kamen der Lernort Haus Natur und Umwelt sowie 1956 die von Kindern und Jugendlichen betriebene Pioniereisenbahn hinzu. Der Name leitet sich von der Massenorganisation des Ostblocks ab. Während jedoch beispielsweise in der Tschechoslowakei und Ungarn die Schmalspurbahnen für Kinder und Jugendliche ein museales Konzept verfolgten, setzte die DDR größtenteils auf Diesellokomotiven. Bild: Der vom Architekten Günter Stahn entworfene Brunnen vor dem FEZ besteht aus 500 Edelstahlplatten. Beliebtes Ausflugsziel für Familien 1990 erfolgte die Umbenennung in Berliner Parkeisenbahn. Die Züge fahren noch immer – mit mehreren Zehntausend Fahrgästen jährlich. Auch das 1979 als Pionierpalast eröffnete Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) fungiert mit einem Theater, zahlreichen Spiel- und Bastelmöglichkeiten sowie Unterhaltungs- und Bildungsangeboten als Publikumsmagnet. Noch immer gibt es das Raumfahrtzentrum Orbitall, das mit seinen interaktiven Angeboten bereits bei den Jüngsten die Faszination für die Erforschung des Weltalls weckt. Das Kino, ein Schwimmbad sowie das Kindermuseum runden das Angebot ab. Die Anlagen um das FEZ wurden seit Ende der 1990er-Jahre saniert. Nach und nach entstanden weitere Publikumsmagneten, wie beispielsweise die Feldbahnsammlung mit einer Spurweite von 500 Millimetern. Unweit des Hauptgebäudes befindet sich die Parkbühne. Die Anfang der 1950er-Jahre eröffnete Spielstätte in Form eines Amphitheaters bietet bis zu 17.000 Zuschauer*innen Platz. Nach dem Mauerfall befand sich die Anlage in einem desolaten Zustand und konnte einige Jahre nicht genutzt werden. 1996/97 erfolgte eine aufwendige Sanierung, die sich ausgezahlt hat: In den vergangenen Jahren wurde die Parkbühne mehrfach von Expert*innen und Berliner Radio-Hörer*innen zur „Konzert-Location des Jahres“ gewählt. Bild: Bands wie die Beatsteaks oder City geben im Juli auf der Parkbühne Open-Air-Konzerte Text und Bilder: Ronald Klein

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