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Eine Linie zwei Welten: Letzter Halt in Westberlin

Eine Linie zwei Welten: Letzter Halt in Westberlin

Reinickendorfer Straße Der Mauerbau am 13. August 1961 hatte auch auf das Verkehrsnetz eklatante Auswirkungen: Zwar gab es noch in der Folgezeit eine S-Bahn-Linie und zwei U-Bahn-Linien, die den Ost-Berliner Bezirk Mitte unterquerten. Jedoch blieben dort die Stationen geschlossen. Die Züge fuhren langsam, aber ohne Halt durch. Die dunkel ausgeleuchteten Areale hießen fortan „Geisterbahnhöfe“. Vor der Durchfahrt warnte eine Ansage, dass es zum letzten Halt in West-Berlin komme. Das betraf auf der U6 sowohl die Kochstraße wie auch die Reinickendorfer Straße.

Bild: Das ehemalige Abspannwerk Scharnhorst befindet sich neben der Panke.

Ein Areal mit Geschichte Mit der B 96 führt die einzige Bundesstraße des Bezirks von Mitte kommend in den Norden. Am Weddingplatz, wo im schrägen Winkel Müller- und Reinickendorfer Straße aufeinandertreffen, stand mit der Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Dankeskirche lange Zeit das höchste Gebäude. Nach Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg erfolgte 1949 die Abtragung. Der Anfang der 1970er-Jahre von Fritz Bornemann (u. a. Amerika-Gedenkbibliothek und Deutsche Oper) geplante Neubau wirkt deutlich unscheinbarer. Vor allem angesichts des 16-geschossigen Baus auf der anderen Straßenseite.

Bild: Das Schering-Gebäude gehört heute zum Bayer-Konzern.

Das heute größtenteils zum Bayer-Konzern gehörende Gebäudeensemble, begrenzt von der Sellerstraße im Süden, der Müllerstraße im Osten und den Ringbahn-Gleisen im Norden, blickt auf eine lange Geschichte zurück: 1857 erwarb der Apotheker Ernst Schering den ersten Teil des Areals, das sich über die Jahrzehnte weiter ausdehnte, und baute zuerst eine chemische Fabrik. Wenig später folgten ein opulentes Verwaltungsgebäude mit Klinkerfassade („das rote Schloss“), ein Laboratorium und weitere Betriebsgebäude. Nach der Zerstörung im Jahr 1943 fand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Wiederaufbau statt. Ein Großteil der an der Müllerstraße befindlichen Bauten wurde zwischen 1969 und 1978 errichtet. 2006 übernahm Bayer die Schering AG. Für das kommende Jahr sind einige Neuerungen geplant: Fest steht, dass Bayer aus dem an der Ecke Müller-/Sellerstraße befindlichen, 1992 errichteten Gebäude mit dem Glaszylinder ausziehen wird. Der neue Eigentümer überlegt, Veränderungen an der markanten Fassade vorzunehmen und die Renaturierung der Panke sowie der umgebenden Grünfläche voranzutreiben. Herzstück des Bauvorhabens sind jedoch neue Büroflächen in Form eines Erweiterungsbaus sowie die Umwandlung der Parkplätze neben dem Erika-Heß-Stadion in eine Tiefgarage. Die 1967 eingeweihte Sportanlage stellt die drittgrößte Eissporthalle der Stadt dar.

Bild: Das Erika-Hess-Stadion beginnt  in diesem Jahr erst Dezember die Eislaufsaison.

Sie verfügt neben einer überdachten Eislaufbahn auch über einen freien Außenbereich, der normalerweise im November öffnet. Aufgrund der aktuell notwendigen Energiesparmaßnahmen startet die Saison in diesem Jahr aber erst im Dezember. Weiter geht es Richtung Westen zum Nordhafen-Vorbecken, wo sich ein perfekter Panorama-Blick auf die Neubauten der Europacity am anderen Ufer des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals bietet. Über die aus Holz gefertigte Sellerbrücke, die die Ortsteile Wedding und Mitte über der Mündung der Panke in den Kanal verbindet, führt der Weg in die Sellerstraße. Rechter Hand befindet sich das 1928 errichtete und 1992 stillgelegte Abspannwerk Scharnhorst. Seit 2006 nutzt es Vattenfall als Vertriebs- und Kundenzentrum. Kochstraße Innerhalb von weniger als zehn Minuten durchquert die U6 den Ortsteil Mitte. Der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie an der Schnittstelle von sowjetischem und US-amerikanischem Sektor erinnert nach wie vor an den Kalten Krieg und die Teilung der Stadt. Das Provisorische des Ortes mit seinem touristisch geprägten Flair darf nicht vergessen lassen, dass sich Ende 1961 hier sowjetische und US-amerikanische Panzer gefechtsbereit gegenüberstanden. Ein Jahr später vereitelten DDR-Grenzer mit mehreren Schüssen die Flucht eines Mannes: Peter Fechter verblutete. Er wurde nur 18 Jahre alt.

Bild: Am Checkpoint Charlie standen sich 1961 sowjetische und US-Panzer gegenüber.

Kulinarische Entdeckungen Auch wenn zahlreiche Infotafeln, Plakatwände und Symbole auf die historische Bedeutung des Ortes verweisen, so gibt es hier noch mehr zu entdecken. Das Disgusting Food Museum in der Schützenstraße verdeutlicht mit seinen Exponaten sehr anschaulich, dass Ekel von Kultur zu Kultur unterschiedlich definiert wird. Vor allem wird deutlich, dass es zu allen scheinbar bizarren kulinarischen Spezialitäten hierzulande Entsprechungen gibt. Ist das schottische Haggis (ein mit Innereien gefüllter Schafsmagen) so viel anders als hiesige Wurst, die Blut und Innereien beinhalten kann? Auch die Unterschiede zwischen sardinischem Maden- und sächsischem Milbenkäse sind letztlich marginal. Während die Exponate des Museums polarisieren: Einig sind sich Gäste und Gastro-Kritiker*innen bei einem in der Nähe befindlichen Restaurant. Das unprätentiöse Nobelhart & Schmutzig in der Friedrichstraße 218 wurde zu Recht mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Es setzt seinen Fokus auf die regionale Küche. Die Menüs mit mehreren Gängen bleiben nicht allein Bestverdiener*innen vorbehalten: Ähnlich wie in Kultureinrichtungen gibt es Rabatt für Studierende. Nach dem Genuss erfolgt ein Spaziergang im 1995 errichteten Besselpark, der unter anderem vom taz-Gebäude und der Akademie des Jüdischen Museums flankiert wird.

Bild: Der Astronom Friedrich Wilhelm Bessel ist der Namenpatron der Grünanlage in der südlichen Friedrichstadt.

Text und Fotos: Ronald Klein

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