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Eine Linie, zwei Welten: Von Neubauten am Ufer zum Wasserfall

Eine Linie, zwei Welten: Von Neubauten am Ufer zum Wasserfall

Wir fahren jeden Monat mit einer Linie der BVG durch die Stadt. Dabei porträtieren wir zwei Kieze entlang der Strecke. Folge 101: vom Ostbahnhof zum Viktoriapark. Ostbahnhof Unweit des Bahnhofs, am Andreasplatz, wurden in den Juninächten des Jahres 1946 einige Außenaufnahmen des ersten deutschen Nachkriegsfilms „Die Mörder sind unter uns“ mit Hildegard Knef gedreht – vor dem Hintergrund von Schuttbergen und Geröllhalden. Mit der Neubebauung des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Viertels verschwand 1960 der Platz aus dem Stadtbild. Ein Schicksal, das er mit dem ersten Ostbahnhof teilt: Denn der 1867 eingeweihte Kopfbahnhof diente lediglich bis 1892 dem Personenverkehr. An seiner späteren Nutzung wird deutlich, dass rund um den heutigen Ostbahnhof die Umwidmung von Verkehrs- und Industrieanlagen in Kulturorte keineswegs ein neuer Trend ist: In die Empfangshalle zog 1929 das Varieté Plaza mit einer Kapazität von mehr als 2.500 Plätzen ein. Heute deutet rund um den Franz-Mehring-Platz wenig auf die ehemalige Nutzung hin. Nur wer östlich des Berghains – der Technoclub residiert in einem ehemaligen Kraftwerk – einen genauen Blick auf die Grünanlagen wirft, entdeckt dort noch verwaiste Gleise. In einem ehemaligen Lokschuppen befindet sich heute das soziokulturelle Zentrum Nirgendwo, das sich gemeinsam mit dem Friedrichshainer Bezirksamt um die umliegenden Grünflächen kümmert.

Foto: Das ehemalige Abwasserpumpwerk Radialsystem fungiert heute als Kulturort

Das ehemalige Plaza und die weiteren Gebäude sind nicht erhalten. Das 1944 durch Bomben zerstörte Gebäudeensemble wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen, 1974 eröffnete das Verlagsgebäude des Neuen Deutschlands seine Pforten. In unmittelbarer Nachbarschaft wickelte der im Westen an die Straße der Pariser Kommune grenzende Wriezener Bahnhof noch bis 1990 den Güterverkehr ab. 2006 erfolgte die Entfernung der verbleibenden Gleisanlagen – sowie eines Stellwerks aus dem Jahr 1895, das wegen des Denkmalschutzes erhalten hätte werden müssen. Heute befinden sich hier Gewerbeflächen. Südlich des Geländes verläuft die Trasse der Ostbahn, an der sich der heutige Ostbahnhof befindet, der bis 1950 Schlesischer Bahnhof hieß und zwischen 1987 und 1998 als Hauptbahnhof firmierte. Vis-á-vis des Verkehrsknotenpunkts bildet am Stralauer Platz das zwischen 1906 und 1908 errichtete Zentralmagazin der Städtischen Gaswerke einen Blickfang. Das Gebäude diente zur Lagerung von Bau- und Reparaturmaterialien für Gasanlagen, denn das Gaswerk am Ostbahnhof war bereits 1899 stillgelegt worden. Nach dem Mauerfall wurde der unter Denkmalschutz stehende Bau um ein modernes Atrium sowie Ost- und Westflügel ergänzt. Das Ensemble beherbergt als Energieforum Firmen, die sich den regenerativen Energien verschrieben haben – aber ebenso Kanzleien und Ingenieurbüros.

Foto: Das Magazinhaus des Energieforums befindet sich vis-à-vis vom Ostbahnhof.

Die unmittelbare Nachbarschaft am Nordufer der Spree ist kulturell geprägt. An der Schillingbrücke strömen Besucher:innen in den Club Yaam – oder ins Radialsystem. Das 1880 fertiggestellte und bis 1999 in Betrieb befindliche Abpumpwerk beförderte das Abwasser der Bevölkerung Friedrichshains und Mittes auf ein Rieselfeld in der Nähe von Falkenberg. Nach Umbaumaßnahmen fungiert es heute als ein wichtiger und innovativer Veranstaltungsraum, der darüber hinaus renommierte Ensembles wie die Compagnie Sasha Waltz & Guests, die Akademie für Alte Musik, das Vocalconsort Berlin und das Solistenensemble Kaleidoskop beheimatet. Weiter westlich befand sich zwischen 2003 und 2010 mit der Bar 25 ein Ort mit einem ähnlichen Bohème-Nimbus wie das nur wenig entfernte Berghain. Heute stehen dort Neubauten aus Holz und Beton, die als Holzmarkt ein neues Quartier begründeten, in dem Künstler:innen Ateliers und Werkstätten und Musiker:innen Proberäume fanden. Der Bauboom setzt sich mittlerweile in der Krautstraße nördlich des Quartiers fort. Für die Neubauprojekte musste beispielsweise die Schwimmhalle Holzmarktstraße weichen. Sie soll jedoch um 2026 in einem neuen Design und mit verdoppelter Wasserfläche zurückkehren. Viktoriapark Über die Schillingbrücke fährt der 140er-Bus quer durch Kreuzberg und erreicht nach einer guten halben Stunden Fahrtzeit den Viktoriapark. Bei der knapp 13 Hektar großen Grünfläche handelt es sich mit dem 66 Meter nach oben ragenden Kreuzberg um die höchste natürliche Erhebung in der Innenstadt, die im späten Mittelalter unter dem unspektakulären Namen Sandberg erwähnt wurde.

Foto: Über den Dächern der Stadt: Blick vom Kreuzberg

Bis 1740 nutzten Winzer die Steilhänge zum Weinanbau – eine Tradition, die mehr als 200 Jahre aufgrund der klimatischen Bedingungen ausgesetzt wurde. 1968 schenkte die Partnergemeinde Wiesbaden Kreuzberg Rebstöcke. Der Bezirk baut unter anderem Riesling und die verwandte Neuzüchtung Kerner an. Im Verkauf befindet sich der edle Tropfen nicht, wird aber gegen eine Spende in kleinen Mengen abgegeben. Deutlich bekannter als für die Trauben ist der Kreuzberg durch das Nationaldenkmal für die Befreiungskriege, das König Friedrich Wilhelm II. zwischen 1818 und 1821 im Gedenken an die in den Befreiungskriegen gefallenen preußischen Soldaten errichten ließ. Ursprünglich sollte ein Dom am Potsdamer Platz entstehen, was aber wie so häufig an den immensen Kosten scheiterte. Die durch Karl Friedrich Schinkel konzipierte Kreuzberger Variante hingegen war deutlich günstiger. 1888 erhielt das Areal einen weiteren Blickfang: den künstlichen Wasserfall, der sich am Zackelfall im Riesengebirge orientiert.

Foto: Am ehemaligen Lokdepot Kreuzberg entstand eine neue Siedlung.

Während die Grünfläche Kontinuität im Kiez symbolisiert, hat sich das Drumherum natürlich gewandelt. In ehemaligen Fabriken und Manufakturen in der Kreuzbergstraße, wie im Viktoriahof, sind inzwischen Dienstleistungsfirmen und Agenturen ansässig. Nach knapp zehn Jahren Bauzeit wurde am ehemaligen, inzwischen vom Technikmuseum genutzten Lokdepot ein vollkommen neues Wohnquartier fertiggestellt, das aus 16 feuerwehrroten Bauten besteht. Die zentrale Lage sowie die Nähe zum Viktoriapark und dem Park am Gleisdreieck sorgen dafür, dass die Wohnungen äußerst begehrt sind. Auch hier finden sich verwaiste Gleise, die ins Nirgendwo führen. Letztlich stellt dies eine der wenigen Parallelen zwischen zwei Kiezen dar, die sie sich sonst kaum ähneln. Autor/Fotos: Ronald Klein

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