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Songs voller Lebensfreude

28.03.2019

Songs voller Lebensfreude

Mit seinen beiden ersten deutschen Alben ging es für Thomas Anders wieder an die Spitze der Charts. Beflügelt vom Erfolg geht er nun auf seine erste Deutschland-Tour.
 
Wenn man Sie in den vergangenen Jahren beobachtet hat, dann hat man den Eindruck: Das ist jemand, der in sich selbst ruht, der nichts mehr beweisen muss und deshalb entspannt neue Dinge ausprobieren kann wie ein Kochbuch oder eine Fernsehsendung.
Ich fühle mich ziemlich privilegiert. Ich habe vor 40 Jahren meinen ersten Schallplatten-Vertrag unterschrieben. Seitdem mache ich Musik, das ist mein Leben. Irgendwann kommt dann einfach der Punkt, an dem man mit sich im Reinen ist, an dem man einfach glücklich ist, Dinge ausprobieren zu können. Man hat, das ist ein ganz entscheidender Punkt, keine Angst vor einer Niederlage. Oft bremst uns die Angst davor aus. Wenn man einmal verstanden hat, dass man auch durch eine Niederlage dahin kommen kann, etwas Positives für sich im Leben weiterzutragen, ist es eine ganz tolle Situation. Kann ich jedem nur empfehlen (lacht).

Eben noch waren Sie in 81 Ländern auf Platz 1 mit „You're my heart, you're my soul“, dann war die erste Phase von Modern Talking (1984 bis 1987) beendet und Ihre Solo-Produktionen fanden im Radio nicht mehr statt. Haben Sie das als Niederlage empfunden?
Nein, es war eine Herausforderung. Es gibt ja viele Beispiele für Künstler, die einer Formation entspringen und dann eben nicht automatisch auch alleine so erfolgreich werden. Das wäre bei Modern Talking auch gar nicht möglich gewesen, denn wie hätte ich 60 Millionen verkaufte Tonträger der ersten Jahre toppen können? Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass das erfolgreicher würde. Am Ende habe ich die Zeit gebraucht, um mich zu entwickeln.

Es gab nach Modern Talking ein Vakuum.
Ich wusste nicht, was ich musikalisch machen sollte. Weiter Pop? Ich habe dann einen jazziges Album aufgenommen, dann ein so ein Coffee-Table-Album. Ganz verschiedene Dinge, die zwar kommerziell nicht die Überflieger waren, aber mich trotzdem weitergebracht haben. 1993 habe ich in Amerika das Album „Souled out“ aufgenommen. Das war für mich eine der größten Herausforderungen überhaupt, ich durfte mit ganz großen amerikanischen Künstlern zusammenarbeiten, die mir sehr viel beigebracht haben. Obwohl das Album leider kein kommerzieller Erfolg war, war es für mich persönlich erfolgreich, weil ich viel gelernt habe.

Weshalb blieb der kommerzielle Erfolg aus?
Für die Öffentlichkeit war Modern Talking durch, es war einfach over. Ich war in den Achtzigern aber das Gesicht von Modern Talking. Derjenige, der den Kopf öfter mal in die Kamera hält und öfter zu sehen ist, der hat es dann auch schwieriger. Dazu kamen diese ganzen Querelen zwischen Dieter Bohlen und mir. Das ist eigentlich unsexy. Man hatte zu wenig mediale Erfahrung, um das anders zu handeln. Aber ich kann heute auch nur so darüber sprechen, weil ich jetzt, nach 40 Jahren im Musikgeschäft, immer noch hier sitze und Platten veröffentliche und weltweit Konzerte gebe. Ich habe mal im Interview gesagt, vielleicht würde ich, wäre ich nicht so mit mir im Reinen, zuhause auf Orangenkisten sitzen und wüsste nicht, wie ich die Miete bezahlen soll. So ist es aber nicht und ich bin allem sehr dankbar und sehr demütig, dass ich so leben darf.

Wenn Thomas Anders also nach wie vor mit Modern Talking verknüpft, ist das kein Problem für Sie.
Ich bin den Menschen nicht böse, wenn sie bei mir automatisch auch an Modern Talking denken. Dafür ist dieses Branding zu stark. Modern Talking war eine Ausnahme-Karriere. Das war prägend für Generationen.

Heute scheint sich das Verhältnis zu Modern Talking in Deutschland entspannt zu haben.
Nach der Wiedervereinigung von Modern Talking (1998 bis 2003) hat sich alles geändert. Wir wurden im Grunde „unantastbar“, weil wir noch erfolgreicher als in den 80ern waren. Wenn ich heute bei Schlagernächten zum Beispiel in der Waldbühne auftrete, stehen 18.000 Leute auf und singen mit. Das Publikum hat sich mit Modern Talking versöhnt, eine andere Einstellung bekommen. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass selbst die Kritiker sich mittlerweile mit Modern Talking versöhnt haben. Sie mögen vielleicht die Musik nicht, aber sie erkennen, dass doch etwas dran ist.

Vor zwei Jahren haben Sie Ihr erstes Album auf Deutsch nach Modern Talking veröffentlicht, 2018 das zweite. Wie kam es dazu?
Die Entscheidung kam nicht über Nacht. Von den ersten Überlegungen, auf Deutsch zu singen, bis zur Entscheidung es zu versuchen, vergingen mehrere Jahre. Vier weitere Jahre dauerte das Erarbeiten von „Pures Leben“. Ich habe Songs aufgenommen, aber auch Songs verworfen, weil sie musikalisch in die falsche Richtung gingen oder die falschen Texte hatten. Manche waren mir zu banal, andere eher zu abgedreht.

Sie haben sich auch Ihr Zielpublikum analysiert.
Ich habe mich gefragt: Wer möchte mich hören? Dabei stellte sich heraus, dass es immer noch die alten Modern-Talking-Hörer sind. Mit den deutschen Alben kommen nun noch neue Hörer hinzu. Ich habe gemerkt, dass die Deutschen im Grunde doch sehr auf die deutsche Sprache stehen. Das hatte ich gar nicht so auf dem Schirm, weil ich so weltorientiert war mit meinen Konzerten. Wenn sie jahrelang 70, 75 Shows im Jahr auf der ganzen Welt geben, dann kümmern Sie sich nicht so um das eigene Land. Sie haben gar keine Zeit dafür, weil sie eh nur unterwegs sind. Das neue, zweite Album „Ewig mit Dir“ dauerte dann nur noch 13 Monate. Weil man eben seinen Weg gefunden hat. Und auf diesem Weg fühle ich mich wohl.

Wenn das in diesem Rhythmus weitergeht, müsste bald das nächste erscheinen.
Nein, das kommt erst im Frühjahr 2020 (lacht).

Haben Sie sich auch gefragt, wie Ihr Gesang überhaupt auf Deutsch klingt?
Das musste ich tatsächlich erarbeiten. Wenn ich singe, wie gefalle ich mir? Kann ich das gut? Die Sprache macht ja auch den Klang der Stimme aus. Es ist der gleiche Mensch, es ist der gleiche Kehlkopf. Aber wenn man deutsch singt, klingt es anders als englisch. Außerdem sind die Interpretation und die Wortwahl viel jünger geworden im Vergleich zu meinen ersten deutschen Aufnahmen vor 40 Jahren.

Und der Hörer versteht bei deutschen Texten jedes Wort.
Es ist eben die Muttersprache. Egal, wie gut wir alle Englisch sprechen, wir haben immer so eine Millisekunde Übersetzung in unserem Gehirn. Außerdem lässt die englische Sprache viel mehr Interpretation zu.

Haben Sie ein Beispiel?
In den 70ern sangen Neil Diamond und Barbra Streisand ihren Riesenhit „You don't bring me Flowers anymore“. Jetzt machen Sie das mal auf Deutsch und singen „Du bringst mir keine Blumen mehr“. Dann haben Sie vielleicht einen Vertrag mit Fleurop, aber Sie haben auf keinen Fall einen Hit. Das kann ich Ihnen garantieren (lacht). Wenn ich sage „You don't bring me flowers anymore“ hat eine ganz andere Romantik als die deutsche Übersetzung. Deshalb müssen wir aufpassen und die Worte für die deutsche Songs so sorgfältig auswählen, dass sie das Gefühl hundertprozentig beschreiben, aber nicht komplett in den Kitsch abdriften und dem Titel somit den Todesstoß versetzen.
 
Wie ist es für Sie, dass Sie jetzt in den Schlager-Charts wieder ganz oben stehen mit Ihren deutschen Alben und Songs?
Das ist toll und eine Bestätigung. „Sie sagte doch, sie liebt mich“ war sieben Wochen die Nummer Eins. „Das Leben ist jetzt“ fünf Wochen. Insgesamt drei Monate, in denen Thomas Anders 2018 Nummer Eins im konservativen Radio in Deutschland war. Da denke ich mir: Du hast alles richtig gemacht.

Schreiben Sie auch Songs?
Ich schreibe ganz selten. Es gibt hin und wieder Texte oder Melodien, aber mir fehlt ein bisschen die Energie und die Zeit dazu. Dass ein Musiker von der Muse geküsst wird, sich die Gitarre nimmt oder an den Flügel setzt, spielt und einen Song schreibt - das ist ein Klischee. Es ist Arbeit. Wenn man nicht jeden Tag oder mehrmals die Woche komponiert oder textet, muss man sich da wirklich reinfinden. Ich habe aber nicht die Zeit, mal vier Wochen in Klausur zu gehen und nur Songs zu schreiben.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Songs für ein Album aus?
Im Grunde ist es ganz einfach: Ein Song muss mir gefallen. Der Text muss mich ansprechen und auch die Melodie. Wenn ich einen neuen Song als Demo höre, dann geht bei mir ein Film ab. Ich sehe mich wie von außen betrachtet im Studio stehen, wie ich den Song interpretiere, wie ich ihn fühle. Ich sehe den Song, wie ich ihn im Fernsehen und wie ich ihn auf der Bühne interpretieren könnte. Wenn mir das ein gutes Gefühl gibt, dann ist der Song schon einmal auf der Liste der Auserwählten. Mir ist ganz wichtig, dass es wirklich meine persönlichen Entscheidungen sind. Eine Ballade kommt nur aufs Album, wenn sie schön ist. Nicht weil man sagt, dass vielleicht noch eine Ballade fehlt. Vielleicht ist deshalb so ein Album auch sehr persönlich.

Was macht ein Thomas-Anders-Album aus?
Es sind gute Produktionen, es sind kommerzielle, eingängige Melodien. Und das Ganze mit Texten, die Lebensfreude und vielleicht auch hin und wieder eine gewisse Lebensphilosophie anbieten. Das entspricht komplett meinem Naturell, so bin ich nun mal.

Für Ihr internationales Publikum müssen Sie vermutlich englischsprachige Alben aufnehmen.
Ja, das ist tatsächlich geplant, im Herbst soll es ein englischsprachiges Album geben. Damit habe ich dann etwas für meine vielen Shows und zum Teil auch Fernsehsendungen im Ausland. Wenn ich in Warschau oder Oslo einen Auftritt habe, macht es keinen Sinn, wenn ich einen deutschen Song singe.

In Russland oder den USA haben Sie im vergangenen Jahr erneut Hallen gefüllt.
2018 war ein Wahnsinnsjahr. Im Januar 2018 war ich in Südamerika auf Tour, im Februar war ich in die Ukraine, im März hatte ich meine Russland-Tour und im August dann acht Shows in den USA. Dieses Jahr war ich bereits in Israel und Kanada und im Mai bin ich dann auf Deutschland-Tour.

Am 5. Mai sind Sie in Berlin. Das ist tatsächlich Ihre erste Deutschland-Tour. Weshalb erst jetzt?
Es hat sich einfach nicht ergeben. Nun hat Thomas Anders durch die deutschen Alben wieder einen Aufwind. Die Deutschen haben Thomas Anders früher immer als jemanden gesehen, der von Modern Talking ist und im Ausland noch wahnsinnig erfolgreich und in Deutschland gibt er das Geld aus (lacht). Das ändert sich, es wachsen viele Fans nach. Wenn ich zum Beispiel schaue, woher meine Facebook-Fans sind, dann hat sich die Zahl der deutschen Fans dort in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. Also habe ich mich mit Konzertveranstaltern, mit der Plattenfirma, mit meinen Beratern besprochen und gefragt: Wie seht Ihr das mit einer Tour, steht das an? Und alle glauben, dass es nun der richtige Zeitpunkt für eine Tournee ist.

Was erwartet den Fan, der zu Ihnen kommt?
Ich singe deutsche Songs, es sind aber natürlich auch die Modern-Talking-Hits dabei, das gehört dazu. Es gibt aber auch Titel, die ich noch nie auf der Bühne gesungen habe. Ich habe vor 50 Jahren das erste Mal auf einer Bühne gestanden, das Konzert ist wie eine Zeitreise. Ich habe wahnsinnig Lust auf diese Show. Ich bin davon überzeugt, dass das ganz großartige Konzerte werden. Nicht nur in Berlin, aber auf Berlin freue ich mich, weil ich dort immer eine große, tolle Fangemeinde hatte.

Das Konzert ist in der Verti Music Hall, die auf einem relativ neu erschlossenen Gelände steht. Berlin verändert sich ununterbrochen, nehmen Sie das wahr?
Absolut. Berlin steht nicht still. Menschen aus der ganzen Welt fokussieren sich mittlerweile auf die Stadt und bringen immer wieder neue Einflüsse. Das ist schon ein bisschen was anderes als München. Ohne München degradieren zu wollen (lacht).

Oder Ihr Wohnort Koblenz.
Nun ja, Berlin oder München sind Millionenstädte, da ist Koblenz ein bisschen weit von entfernt (lacht). Gott sei Dank ist Koblenz so wie es ist. Deshalb bin ich auch gerne da.

Interview: David Rollik

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