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»Ich fahre U-Bahn und lerne Text«

30.01.2018

»Ich fahre U-Bahn und lerne Text«

Die Fahrscheine bitte! Auch wenn wir wirklich nicht nach einem Ticket gefragt haben, Oliver Mommsen zeigte uns seine BVG-Monatskarte noch bevor unser Interview begonnen hat. Beginnt für ihn die Theatersaison, holt sich der vor allem durch den Bremer Tatort bekannte Schauspieler als Erstes eine BVG-Monatskarte am Automaten. Das freut uns natürlich!

Zurzeit spielt Oliver Mommsen nämlich an der Komödie am Kurfürstendamm mal wieder Theater mit Lieblings-Bühnenpartnerin Tanja Wedhorn: „Tanzstunde“. Mit dem Stück erfüllen sich die beiden noch einmal einen Wunsch in der letzten Spielzeit vor dem Abriss der Kudammbühnen.

Wird in „Tanzstunde“ richtig getanzt oder musstest du es erst lernen?
Wir werden tanzen. Aber das Schöne ist ja, dass es meine Figur Ever nicht kann. Also muss Mommsen davon auch keine Ahnung haben. Tanja muss ran! (lacht) Aber wir haben für das Stück eine großartige Choreographin bekommen. Und wie gesagt, ich spiele jemanden, der kann nicht tanzen, der will eine Tanzstunde haben - und der Oli auch (lacht). Und deswegen passt das sehr gut.

Dann würdest Du also auch nie bei der Tanzshow „Let's Dance“ mitmachen? 
Ich habe zwei Kolleginnen getroffen, Simone Thomalla und Minh-Khai Phan-Thi, und die beiden sagten, sie waren noch nie im Leben so fit wie in dieser Zeit. Dieses körperliche Format, für dich einen eigenen Personaltrainer zum Tanzen zu haben, würde mir natürlich gefallen. Aber es geht ja nicht nur ums Tanzen. Du ziehst da auch schon ganz schön die Hose runter, du zeigst sehr viel von dir. Auch wenn beim Theater die Rollen manchmal sehr persönlich sind, finde ich es ganz schön, sich hinter einer Rolle zu verstecken.

Zurück zur Komödie: Zufall, dass du wieder mit Tanja Wedhorn zusammen spielst?
Nein, wir suchen richtig. Tanja und ich haben uns in „Gut gegen Nordwind“ schauspielerisch gesehen und gefunden. Du kannst fast sagen, wir beiden passen wie Pott auf Deckel. Dann kam die Sommernacht – auch ein Zweipersonen-Stück, in dem wir nur eine Kiste Requisiten, einen tollen Musiker und eine kleine Leinwand auf der Bühne hatten. Und eine Liebesgeschichte erzählt haben. Das hat auch gezündet. In „Lieber schön“ macht sie mich rund, schreit mich an, trotzdem willst du, das die beiden zusammen sind. Jetzt ist sie meine Tanzlehrerin. So etwas kannst du nicht planen, das ist ein Glücksgriff. Inzwischen suchen wir nach Stücken für uns, gibt es was für Tanja und Oliver?

Ihr habt viel gemeinsam in der Komödie am Kurfürstendamm gespielt.
Es ist toll an der Komödie am Kudamm zu spielen. Der Raum ist akustisch so schön, er ist perfekt für „uns vom Film“. Klar, wir haben alle eine Sprachausbildung, aber wir arbeiten hauptsächlich für die Kamera. Das heißt für die Bühne musst du dann schon noch mal sprachlich ein bisschen mehr geben. Das ist eine andere Akustik, das ist eine andere Dimension. Und dieses Prinzip der Komödie „Stars hautnah“ ist toll. Wir Schauspieler fühlen uns wohl, weil man sehr, sehr fein reden kann.

Für Komödie und Theater am Kudamm fällt ja bald der letzte Vorhang ...
Es ist grotesk, es ist absolut eine Schweinerei. Ein Theater abreißen, das macht man einfach nicht! Die Komödie ist mein Zuhause. Ich singe mindestens einmal in Jahr: „Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm“. Wir haben hier in jeder Ecke schon geprobt, Textproben abgehalten, wir haben geheult, wir haben gelacht, wir waren verzweifelt, wir fühlten uns wie King Louie – so etwas macht man doch nicht kaputt. Das ist doch auch eine emotionale Schatzkiste.

Klingt nach einer Liebeserklärung.
Jeder der in dieses Theater hinein geht ist von ihrem Charme angetan. Du gehst an der Kasse vorbei, kommst diese Marmortreppen herunter und denkst: hoppla, ich bin in einer anderen Welt. Dann gehen die Türen auf und du hast die kleinen Logen, du hast diesen Wahnsinns-Kronleuchter. Das ist Theater. Die Bühne atmet Geschichte, hier hat Harald Juhnke auf der Bühne gestanden, haben Brigitte Mira und Günter Pfitzmann gespielt. Ich glaube, die Politik hätte ganz kurz mal sagen können, ja das Grundstück kannst du gerne haben, aber: Finger weg von diesen Theatern!

Nicht dein letzter Abschied in diesem Jahr. Im Herbst drehst du deinen letzten Tatort. Bist du Tatort-müde geworden?
Ein Schauspieler muss weiterziehen, wenn er das Gefühl hat, dass er die Sache im Griff hat. An dem Punkt bin ich. Ich weiß mittlerweile, dass ich so tun kann, dass man mir glaubt, wie ich einen Dienstausweis ziehe oder mit der Dienstwaffe umgehe. Damit andere Türen auf gehen, muss eine zugeschlagen werden. Ich habe es 18 Jahre gemacht, ich bin volljährig. Und insofern gehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge und bin gespannt was noch geht.

Hast Du für deine Tatortrollen Nachhilfe bei der richtigen Polizei bekommen?
Beim Dreh sind natürlich immer auch ein paar echte Polizisten dabei. Für einen Fernsehkommissar steht ja nicht nur die Frage: Wo waren sie zwischen zehn und elf? Ich habe zum Beispiel auch extra noch einmal eine Nachschulung gemacht für den Umgang mit einer Dienstwaffe und im letzten Jahr saß ich lange mit der Mordkommission zusammen und habe spannende Sachen gelernt.

Dann hast Du die Waffe immer falsch gehalten?
Nein, die Art hat geändert. Man hält die Waffe nicht mehr so vor sich, dass man womöglich seinem Kollegen in die Achillesferse schießt. Und deshalb wird die Waffe jetzt abgewinkelt und dann quasi in die Zielposition gestochen. Das muss man erst mal lernen. Ich finde, wenn man einen solchen Beruf darstellt, sollte man sich mit der Materie auseinandersetzen.

So ein Krimi, speziell ein Tatort, ist ja wohl auch nie reine Realität?
Deswegen sage ich auch: wir sind nicht die Tagesschau, wir sind Fiktion, wir dürfen im Endeffekt alles. Vor meinem ersten Drehtag beim Tatort, hatte ich einen Einführungstag bei der Bremer Polizei und da sagte der Kriminalkommissar: so guck mal. Er hat eine Tür aufgemacht und im Nebenzimmer saßen zehn Männer vor Bergen von Akten. Er sagte dann: das sind Kriminalkommissare, und das ist unsere Hauptarbeit. Willst du am Sonntagabend 90 Minuten zeigen, wie die Leute Akten wälzen? Natürlich drehen wir an der Phantasieschraube. Der Tatort ist ein bisschen Wahrheit und dann kommt die Spinnerei dazu.

Ein bisschen Kriminalarbeit nach deinem Ausstieg bleibt ja, du arbeitest seit 2016 für den „Weißen Ring“.
Viele Kommissare vom Tatort haben mitgemacht. Wir waren ja auch bei Euch in der U-Bahn mit Plakaten präsent. Es liegt nahe. Alle stürzen sich auf den Täter, wo ist er, was hat er getan. Aber was ist mit denen, denen man Schaden angetan hat. Was ist, wenn bei dir eingebrochen wurde. Wo schläfst du am nächsten Tag? Wenn du vergewaltigt wurdest, mit wem redest du dann? Welche Rechte hast du überhaupt. Der Weiße Ring hat über 3000 geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter, die dann zur Stelle sind, die dem Opfer beistehen. Das unterstütze ich gern.

Hast du schon Pläne für die Zeit nach dem Tatort? Die große Leinwand vielleicht?
Das steht sowas von oben auf der Prioritätenliste (schmunzelt). Ich habe mit Thomas Stiller, einem Berliner Regisseur, der auch viele Tatorte gemacht hat, einen lowbuget Film gedreht. Die Geschichte: Pornosüchtiger Erfolgsautor trifft Krankenschwester mit Todesfetisch, ein Liebesfilm. Zwei Menschen, die ihr Päckchen zu tragen haben, versuchen doch noch irgendwie vorsichtig zusammen zu kommen. Es ist ein sehr schöner Film geworden, er heißt „Die Haut der Anderen“ und wird ab April endlich ins Kino kommen.

Ist denn der Unterschied sehr groß, für Fernsehen, Kino oder Theater zu spielen? 
Nein, es sind zwei Seiten derselben Medaille. „Beim Film kann man ja alles nochmal machen“, denken viele. Dann überleg dir mal: Du hast ein Filmteam von 40 Leuten, du hast eine Summe X, um diesen Tatort zu produzieren, du hast einen Zeitplan. Jetzt geht aus irgendwelchen Gründen etwas schief. Erster Versuch, zweiter Versuch okay, … beim achten Versuch merkst du wie die Stimmung langsam anfängt zu kippen. Das heißt, der Druck ist genauso hoch, wie live auf der Theaterbühne.

Und die andere Seite der Medaille?
Ein Unterschied, den ich liebe, ist: Im Theater gehe ich sieben Wochen mit dem Regisseur und den Kollegen in einen geschützten (Proben)Raum. Und du darfst erstmal mit deiner Figur in die falsche Richtung rennen. Natürlich haben wir da auch einen Zeitplan. Und wenn dann die Vorstellung kommt und die Premiere läuft, sagt keiner mehr was ich zu tun habe, keiner sagt: Stopp! Dann geht um acht Uhr der Vorhang auf und egal wie ich drauf bin, egal wo mein Kopf ist, das Ding muss gespielt werden.

Wenn Du, so wie zurzeit wieder, am Kudamm spielst, kommst du mit der U-Bahn?
Jedes Mal wenn für mich die Theatersaison beginnt, ist das erste der Gang, der zum Automaten – Monatskarte kaufen. Auf dem Kudamm mit dem Auto zu parken ist anstrengend. Und ich lerne während der Proben meinen Text auf der Straße. Ich habe das Textbuch klein kopiert und muss dabei in Bewegung sein. Da ist es wunderbar mit Bus oder Bahn einfach mal schnell das Revier zu wechseln. Dabei teile ich mir die Zeit ein, wie es mir gefällt. Esse vielleicht in Mitte zu Mittag, hüpfe dann mal in die S- oder U-Bahn und fahre in den Tiergarten, je nachdem in welcher Stimmung ich gerade bin.

Du wirst nicht erkannt und angesprochen beim U-Bahnfahren?
Mich stört das nicht. Lustig ist, wenn ich mit anderen Tatort-Kommissaren verwechselt werde. Dann sage ich: Moment mal, das war nicht ich gestern, wir kommen nächsten Monat. Oder du bekommst direkte Resonanz und beim Aussteigen klopft dir jemand auf die Schulter und sagt „der war geil!“. Ich mag das. Und es ist einfach so, wenn du dich einmal in die U-Bahn setzt, bekommst du Berlin geballt. Das ist jetzt keine Koketterie oder so, das gehört bei mir dazu.

Jetzt muss ich doch nach den Mommsens fragen. Bist Du mit dem Nobelpreisträger Theodor Mommsen verwandt?
(lacht herzlich) Die Frage nach meiner Familie findet immer nur hier statt, in Gesprächen mit der Presse. Bei mir im Alltag hat das nichts damit zu tun. Aber: nein, wir sind nicht blutsverwandt. Mein Vater wurde von Ernst Wolf Mommsen, ein Enkel Theodor Mommsens, adoptiert. Es gab eine lustige Situation, als mein mittlerweile 20-jähriger Sohn gerade lesen konnte und wir in der Mommsenstraße standen. Ich hab ihm das Straßenschild gezeigt, und als er es entziffert hatte, fragte er mich: Müssen die hier nett zu uns sein?

Hättest du dort gern gewohnt? Klingt lustig: Oliver Mommsen in der Mommsenstraße.
Ich bin ja Düsseldorfer. Ich kam 1990 nach Berlin, weil ich etwas ganz anderes wollte. Ich wollte dieses Bunte, dieses nicht uniforme. Da war mir der Kudamm und Charlottenburg ein bisschen zu nah an der Düsseldorfer Königsallee. Ich musste damals in den Osten. Ich habe direkt hinter der Volksbühne gewohnt, habe diesen ganzen „Entdeckeralarm“ mitgemacht. Irgendwann dachte ich mal, wäre schon ganz cool „Oliver Mommsen in der Mommsenstraße“. Aber irgendwo reicht es dann auch. Ist ja nicht meine Straße, ich habe damit nichts zu tun. Und schon damals waren die Mieten dort ziemlich hoch.

Interview: Bernd Wegner

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