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»Eine Hommage an die Intuition«

05.09.2018

»Eine Hommage an die Intuition«

Sebastian Koch wählt seine Rollen mit Bedacht aus. Und mit Bauchgefühl. Er spüre bei einem Drehbuch ziemlich schnell, ob etwas eine Bedeutung habe, ob das gewisse Etwas in einem Stoff sei, sagt Sebastian Koch. An spannenden Themen mangelt es in der Filmografie des 56-Jährigen wahrlich nicht. „Bridge of Spies“, „The Danish Girl“, „Speer und Er“, „Stauffenberg“, „Todesspiel“ - und natürlich „Das Leben der Anderen“, das Oscar-prämierte Spielfilmdebüt von Florian Henckel von Donnersmarck. In dessen drittem Spielfilm übernimmt Sebastian Koch erneut eine Hauptrolle.

Worum geht es in „Werk ohne Autor“?
Der Film erzählt die sehr intensive Liebesgeschichte des jungen Künstlers Kurt. Dieser verliebt sich in Ellie. Ihr Vater, Professor Carl Seeband, ein Nazi durch und durch, ist absolut gegen die Beziehung und versucht alles, sie zu verhindern. Daraus entsteht eine sehr spannende Dreiecksgeschichte, die in einem Zeitraum von 1930 bis Mitte der 60er Jahre spielt. Drei Jahrzehnte deutscher Geschichte, geprägt durch Ideologien wie Nationalsozialismus, DDR-Sozialismus und die junge westdeutsche Demokratie mit dem Aufbegehren der Studenten in den 60er Jahren.

Die Kunst spielt eine wichtige Rolle im Film.
Sie hält das Ganze zusammen. Kurt geht vom realistischen Sozialismus bis zu den Jungen Wilden einen langen Weg, immer auf der Suche nach seiner eigenen künstlerischen Sprache. Dabei muss er viel einstecken, aber er bekriegt es nicht, sondern nimmt es auf, wie ein Aikido-Kämpfer, verarbeitet all die Katastrophen und geht gestärkt aus ihnen hervor. Der Film ist eine Hommage an die Intuition. Den eigenen Weg zu gehen, an sich zu glauben, an das, was man fühlt, und nicht an das, was eine Idee vorgibt. In unserem Film wird das sehr schön erzählt. Deutschland hat ja immer ein bisschen Probleme mit dem Anderssein, aber wenn das Andere, das Nicht-Kompatible, nicht mehr sein darf, wird es gefährlich.

Ihre Figur bekämpft das Anderssein.
Ja, absolut. Prof. Carl Seeband war einer der berühmtesten Gynäkologen seiner Zeit, ein großer mächtiger Mann, der auch nach 1945 die Nazi-Ideologie weiterlebte. Ein Mann, der Nietzsche falsch verstanden hat und an die Ideologie der „Deutschen Herrenrasse“ glaubt, mit der er seine Taten und sein Sein legitimiert. Das Spannende an diesem Menschen ist, dass er eine ganz klare Form einhält: keine Bewegung zu viel, kein Halbsatz zu viel. So wie ein Chirurg mit dem Skalpell arbeitet, so spricht er, kein Gedanke zu viel, keine Bewegung – absolute Selbstkontrolle. Er ist akkurat, ohne arrogant oder eitel zu sein, nur in dem Glauben an das Große, an das Reine, an das Schöne. Er ist ein Ungeheuer.

Das klingt, als könnten Sie ihm auch eine positive Seite abgewinnen.
Gibt es denn Menschen, denen man nichts Positives abgewinnen kann? Ich glaube eher nicht – jeder handelt doch nach seinem Glaubenssatz. Natürlich klingt das für uns absurd, wenn Seeband sagt, er möchte seine „Erblinie sauberhalten“. Aber er glaubt halt daran und tut alles dafür. Er ist überzeugt, etwas „Gutes“ für für die Menschheit zu tun. In seiner Logik mag das ja stimmen, und genau das macht ihn so gefährlich. Ein deutscher Überzeugungstäter – überzeugt von seiner Tat.

Das sind am Ende vielleicht die gefährlichsten Leute: Die, die wirklich überzeugt sind.
Wenn jemand so unumstößlich an etwas glaubt, und dann noch eine solch hohe Intelligenz in sich trägt, entwickelt das eine Riesenkraft. Seine Überzeugungen legitimieren sein Handeln, und wenn es dann auch noch den von Ideologie gestützten Rahmen dafür gibt, kann es Staatsdoktrin werden. Wir sehen in unserem Film, wie sich in den drei Jahrzehnten in den verschiedenen deutschen Gesellschaften ideologisch geprägte Werte durchgesetzt haben. Und jede hatte den Anspruch, Recht zu haben.

Der Charakter Ihrer Rolle zeigt sich auch in dessen Kleidung.
Auch da ist nichts zu viel. Seebands Kleidung hat eine große Eleganz und sieht gut aus. Er trägt sie zwar wie eine Uniform, aber auch wie eine zweite Haut. Trotzdem wirkt er nie arrogant oder eitel. Und wenn ich dann so ein Kostüm trage, das das unterstützt und den Charakter so fein übersetzt, ist es wirklich großartig. Chapeau an Gabriele Binder, die die Kostüme gemacht hat.

Florian Henckel von Donnersmarck hat gesagt, die Rolle sei Ihnen auf den Leib geschrieben, weil Sie das Zweischneidige schon in anderen Rollen verkörpert haben.
Wir sind seit langer Zeit eng befreundet. Wir kennen uns sehr gut und er kann abschätzen, wozu ich als Schauspieler in der Lage bin. Es ist natürlich schön, wenn jemand mir eine so schwierige Rolle anbietet. Auf den Leib schreiben heißt ja, dass er weiß, dass ich in Seebands komplexe Gedankenwelt eintauchen kann und das mit großer Sorgfalt spielen werde.

Bringen Sie sich bei einer solchen Rolle in den Kreativprozess mit ein?
Klar, wir haben viel darüber geredet und uns getroffen. Und natürlich macht es einen sehr großen Unterschied, ob man als Schauspieler im Entstehungsprozess von Anfang an dabei ist, den Charakter gemeinsam entwickeln kann. Das gilt auf für alle anderen Departments. Die größte Arbeit passiert nun mal in der Vorbereitung, am Set vereinigen sich im besten Falle nur noch alle Kräfte. Leider ist der Autorenfilm selten geworden. Florian schreibt die Drehbücher seiner Filme selbst und inszeniert diese. Beides tut er mit enormer Sorgfalt und Liebe zum Detail. Alles ist aus einem Guss, das mag ich sehr. Dadurch, dass wir uns so gut kennen, schafft er es, mir einen Raum zu geben, in dem ich auch Dinge riskieren kann, die ich sonst vielleicht nicht so wagen würde. Es gibt ein großes gegenseitiges Vertrauen, und dieses Vertrauen macht es uns möglich, in diesem reglementierten Raum sehr weit zu gehen, weiter als sonst.

Spielen Sie am liebsten Rollen, die starke Biographien haben?
Ich habe ja einige Männer gespielt, die es wirklich gab, die große oder extreme Persönlichkeiten waren wie Klaus Mann, Stauffenberg oder Albert Speer  und deren Vorlage ich beachten musste. Diesmal konnte ich eine Figur wirklich selbst erschaffen, daraus wurde fast eine Essenz von diesen ganzen Machtmenschen, die ich im Laufe meiner Schauspielerei schon gespielt habe.

Ist es schwieriger, eine real existierende Person zu spielen, weil es da vielleicht noch Leute gibt, die die kennen?
Ich dachte immer, das nimmt sich nichts. Durch die Arbeit an „Werk ohne Autor“ habe ich gemerkt, was mir die Freiheit in einer Rolle bedeutet. Ich konnte eine eigene Figur erfinden, einen eigenen Charakter, auch was das Aussehe betrifft. Dieser kreative Prozess hat mir sehr großen Spaß gemacht.

Wonach wählen Sie Rollen generell aus?
Intuitiv. Mit dem Bauch. Das, was der Film so schön beschreibt, versuche ich auch zu leben. Ich spüre bei einem Drehbuch ziemlich schnell, wo etwas eine Bedeutung hat, ob ein Reichtum, eine Kraft in einem Stoff ist. Und wichtig sind natürlich auch die Leute, die mitmachen, das Team und wer es zusammenstellt. Das müssen einfach gute Leute sein, im Sinne von Partnern, die sich ergänzen. Wenn das nicht in meinem Spirit ist, wenn es nicht zu mir passt, ziehe ich mich meistens wieder zurück.

Der letzte Film von Florian Henckel von Donnersmarck, „The Tourist“ aus dem Jahr 2010, kam zumindest bei der Kritik in den USA nicht gut an. Ließ Sie das zögern, die Rolle anzunehmen?
Keine einzige Sekunde. Sehen Sie, wer nichts riskiert, kann auch nichts Großes machen. Florian ist jemand, der immer alles riskiert. Das liebe ich an ihm wirklich von ganzem Herzen, das passiert leider viel zu selten. Dass jemand einen dreistündigen Film über eine Liebesgeschichte, über Kunst und drei Jahrzehnte Deutschland produziert - das ist ein Statement. Der Film ist ein großes, fast monumentales Werk, ein großer Kinofilm. Und das in einer Zeit, die so schnelllebig ist. Das ist wirklich eine tolle und mutige Entscheidung. Die unterstütze ich natürlich wo immer ich kann nicht nur weil Florian mein Freund ist, ich mag seinen freien Geist.

180 Minuten ist in Zeiten von 45-minütigen Streaming-Folgen und YouTube in der Tat außergewöhnlich.
Der Film ist ein Geschenk an unsere schnelllebige Zeit.

Sie drehen viel international. Weil es in Deutschland zu wenige gute Drehbücher gibt?
Es ist schwierig, ein gutes Drehbuch zu finden. Ich muss auf einem Film Lust haben. Das sind für mich immer drei bis fünf Monate mit Vorbereitung und Dreh. Ich verbringe also viel Zeit damit, und deshalb soll es mir Spaß machen.

Das scheint zuletzt vor allem nur noch Kino zu sein.
Mir gefällt beim Film der kreative Prozess. Eine Serie hat die Zeit dafür nicht, da geht alles viel schneller und ist vermutlich auch finanziell nicht anders möglich. Ich liebe und verehre halt nach wie vor das Kino. Diese Leinwand sieht einfach alles, die großen Kompositionen wie die kleinsten Fehler. Wenn man überlegt, an welche Filme man sich erinnert – dann geht das meist über Bilder und Stimmungen, die eine Leinwand erzeugen kann.

2006 standen Sie das letzte Mal als Schauspieler auf einer Theaterbühne. Vermissen Sie das Theater?
Ja – mein Theater-Ersatz sind Lesungen mit Musik, die ich seit vielen Jahren mache. Gerade habe ich mit dem wunderbaren Geiger Daniel Hope das Programm „Paradise“, eine Collage über das Paradies mit Gedichten und Texten gestaltet, mit dem gehen wir demnächst auf Tour.

Sie leben in Schöneberg. Weshalb sind Sie bei den vielen internationalen Produktionen nicht in den USA gezogen?
Ich bin gern in Berlin. Seit nunmehr fast 30 Jahren. Ich bin kurz nach dem Fall der Mauer hergekommen, um am Schillertheater zu spielen. Die Entwicklung seitdem, die Phasen, die die Stadt durchlaufen hat, das ist beeindruckend. Ein Brennpunkt der Geschichte und ich durfte mittendrin sein. Eine sehr aufregende Zeit. Der für mich wunderbarste Moment, ein Schlüsselmoment hier in Berlin war, als Christo den Reichstag verpackte. Die Welt kam nach Berlin und die Stadt öffnete sich, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Aus allen Ländern der Welt saßen Junge und Alte auf dieser großen Wiese vor dem Reichstag, redeten und diskutierten Miteinander über dieses große Kunstwerk. Die Stadt strahlte eine solche Offenheit, eine Tolerant und Wärme aus – das war wirklich fantastisch. Ich weiß noch, dass ich mir damals gewünscht habe, dass dieser Zustand bitte ewig verweilen soll. Ein großer Zauber.

Fahren Sie auch mit der BVG, wenn Sie hier unterwegs sind?
Immer wieder und sehr gerne. Das ist wie Kino, all die Menschen, die ich kommen und gehen sehen, die meisten sehr nach innen gewandt, sehr mit sich beschäftigt. Lesend, Musik hörend oder einfach nur vor sich hin sinnierend. Mit dem Auto ist man oft dem in Berlin sehr unberechenbaren Verkehr ausgesetzt.
 
Und viel Kultur.
Die Kunstszene ist einfach wunderbar! Tolle Theater, Konzerte und Ausstellungen, auch da ist Berlin in den vergangenen 20 eine Weltstadt, ein Zentrum geworden.

Können Sie das Angebot denn wahrnehmen? Oft führt ein großes Angebot ja dazu, dass man lieber zuhause bleibt, weil man ja auch morgen hingehen könnte.
Ja, das stimmt, ich muss mich manchmal auch ein bisschen zwingen, etwas aus diesem riesigen Angebot rauszusuchen, zumal ich so viel unterwegs bin. Meistens gehe ich dann in den Städten, in denen ich arbeite, an den drehfreien Tagen in Konzerte oder Ausstellungen. Wenn ich dann endlich mal in Berlin bin, will ich Freunde sehen oder einfach zur zu Hause sein. Das ändert sich aber langsam, weil ich bewusste Pausen mache und dadurch Berlin genießen kann. Dieses Jahr habe ich, bis auf ein paar kleine Abstecher, ausschließlich in Berlin verbracht. Und das bei diesem traumhaften Sommer.
 

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