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Klaus Maria Brandauer Interview PLUS 01-2021

21.01.2021

»Der Wind war für mich günstig«

Es soll das Fernsehereignis des Jahres werden, und das gleich am Anfang: Mit «Ferdinand von Schirach: Feinde» wird am 3. Januar im Ersten und gleichzeitig in allen Dritten Programmen der ARD der gleiche Kriminalfall – die Entführung eines Mädchens – aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt. Eine Premiere in der deutschen Fernsehgeschichte. Die Hauptrollen spielen Klaus Maria Brandauer und Bjarne Mädel. Für Klaus Maria Brandauer ist es einer seiner seltenen Ausflüge vor die Fernsehkamera. Der 76-Jährige zählt zu den renommiertesten Schauspielern des deutschsprachigen Raumes, sowohl für seine Arbeit auf der Theaterbühne als auch im Film wurde er mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet.

Wir treffen uns heute in Berlin. Was verbindet Sie mit der Stadt?

Ich kenne die Stadt schon seit langem. 1963 kam ich als junger Schauspieler am Düsseldorfer Schauspielhaus zum ersten Mal mit einem Gastspiel nach Berlin. Die berühmte Elisabeth Bergner spielte die Hauptrolle in „Die Irre von Chaillot“, und ich hatte die Ehre, den jungen Selbstmörder zu spielen, der am Ende gerettet wird. Als Österreicher durfte ich damals über die Grenze nach Ostberlin und das habe ich so oft getan, wie ich konnte. Das war wunderbar, ich habe mir Vorstellungen angeschaut und auch Kollegen getroffen. Das Schicksal dieser Stadt war immer auch Teil meines Lebens. Nicht nur die Stadt, sondern auch ganz Europa und die Welt waren geteilt. Aber die Geschichte hat gezeigt: Die Hoffnungsvollen haben gesiegt.

Wie gefällt Ihnen Berlin heute?

Berlin ist ein Schmelztiegel, das war es schon immer. Zugleich ist es wunderbar unaufgeregt. Berlin ist heute eine der wichtigsten, auch politischsten Städte in Europa. Aber es ist irgendwie auch immer noch eine Zusammenballung von vielen Dörfern mit ihren eigenen kleinen Marktplätzen. Das mag ich sehr. Man kann hier sehr gut leben, Leute treffen und neue kennenlernen, alles ist ganz unkompliziert. Und schön ist die Stadt an manchen Ecken auch. In Berlin stehen so unterschiedliche Bauten dicht nebeneinander, dass man sich manchmal fragt: Ist das jetzt hier eigentlich gut oder nicht? Aber das ist uninteressant, solange diese lockere Atmosphäre in der Stadt herrscht. Ich bin sehr gerne hier.

Sie standen in Berlin auf der Bühne, haben hier auch inszeniert, 2006 zum Beispiel die „Dreigroschenoper“ zur Wiedereröffnung des Admiralspalasts. Unterscheidet sich das Publikum in Berlin von dem anderer Städte?

Die eine hat die Karte gekauft, der andere hat sie geschenkt bekommen, dem nächsten wird sie von der Freundin zugeteilt, weil er endlich mal ins Theater gehen soll – wir haben nicht „das Publikum“. Egal, wo man auftritt, egal, was Sie zeigen: Sie haben immer verschiedene „Publikümmer“. Jeder Zuschauer kommt anders dorthin und bringt dann noch seine „Tagesform“ mit. Ich kann nur sagen: Ich erlebe in Berlin immer ein sehr lebendiges, reaktionsfreudiges Publikum. Und der Applaus ist beherzt, aber nicht in die Länge gezogen, ehrlich eben.

Sie vergleichen einen Theaterabend mit einer Verhandlung.

Eigentlich ist jedes ordentlich gebaute Theaterstück, eine Gerichtsverhandlung über eine Sache, über einen Menschen, über uns alle. Das ist seit der griechischen Tragödie so. Da wird befragt, plädiert und geurteilt, es gibt Angeklagte, Verteidiger, Richter.

Wann denken Sie auf der Bühne: Das läuft heute gut.

Wenn es den Schauspielern gelingt, merkt man, wie das Spiel zu einer Einheit wird, man hat das Gefühl, wir sind alle auf einer Wellenlänge und das Publikum geht mit. Das kann man nicht erzwingen, umso schöner ist es, wenn es sich einstellt. Manchmal funktioniert das nicht, das ist auch in Ordnung, aber dann braucht man viel mehr Disziplin, um durch den Abend zu kommen. Im Wiener Burgtheater gab es früher ein berüchtigtes Abonnement, da spürte man im Publikum wirklich gar nichts. Es war so, als wäre niemand da, kein Geräusper, kein Schnäuzer, kein Husten, wirklich nichts. Aber am Schluss haben alle immer unglaublich applaudiert.

Es gab damals ein Vorhangverbot am Burgtheater.

Ja, das waren noch andere Zeiten, es gab keine Öffnung des Vorhangs. Er blieb zu, es hat sich keiner verneigt, außer die Kollegen, die zum ersten Mal am Burgtheater aufgetreten sind. Eingeführt wurde dies Ende des 18. Jahrhunderts, weil niemand über den Kaiser in Gestalt seiner Schauspieler abstimmen sollte, abgeschafft wurde das erst vor rund 40 Jahren. Mir ist es lieb, dass man am Schluss noch einmal das Publikum sieht.

Das Burgtheater hat, so mein Eindruck, einen ganz besonderen Stellenwert in der Bevölkerung Wiens, es gehört zur Identität der Stadt.

Unbedingt, die Leute haben das Gefühl: Das Burgtheater gehört uns (lacht). Man hat einen Anspruch darauf. Und ganz besonders die, welche überhaupt nicht hingehen. Nur mit der Wiener Staatsoper ist das Verhältnis noch inniger. Diese hohe Identifikation ist doch großartig und sagt so viel über das Selbstverständnis der Wiener Stadtgesellschaft aus. Die Taxifahrer wissen immer, was am Abend in den großen Häusern gespielt wird. Wo gibt es das noch?

Wien ist eine große Theaterstadt.

Und ganz Österreich ist ein Theaterland. An jeder Ecke, auch in den kleinsten Dörfern wird regelmäßig Theater gespielt. Das ist fast ein wenig zum Schmunzeln. Dabei sind wir wirklich Weltspitze. Böse Zungen behaupten, nur da und mehr Einfluss haben wir auch nicht (lacht). Die Hochkultur ist dem Österreicher schon sehr wichtig. Aber es gibt ja den Österreicher gar nicht, wie sollte es auch in der Mitte Europas! Wir stammen alle von ganz verschiedenen Eltern ab.

Gefällt Ihnen vielleicht auch deshalb der von Ihnen so bezeichnete „Schmelztiegel“ Berlin?

Die Stadt ist großzügig. Das muss man aber richtig verstehen dieses Wort „großzügig“. Das hat nichts Gönnerhaftes, das kommt nicht von Oben herab. Die Stadt ist großzügig mit sich, den Leuten und mit denen, die dazu kommen. Jeder soll seinen Platz finden, auch wenn das natürlich nicht immer ganz einfach geht. Aber deswegen pulsiert es hier immer in alle Richtungen, aber man bleibt trotzdem auf Augenhöhe.

Sie konnten sich schon als Kind nichts anderes vorstellen, als Schauspieler zu werden.

Die Initiation, das weiß ich noch, war in der ersten Klasse der Volksschule in Grenzach bei Basel. Dort war mein Vater, ein deutscher Beamter, Zollkommissar. Er holte meine Mutter und mich zu sich, bis dahin lebten wir in Altaussee in der Steiermark. Am Ende des ersten Schuljahres gab es eine Abschlussfeier, wir spielten den Struwwelpeter und ich hatte die Hauptrolle. Zehn Jahre später war ich dann zum ersten Mal in der Arena von Verona. 20.000 Menschen! Wir sahen „Tosca“, Franco Corelli sang. An diesem Abend begann meine Sehnsucht. Ich habe mir nie wirklich etwas anderes vorgestellt, nicht Fußballspieler, nicht Eisenbahnschaffner. Nichts.

Sie haben aber auch gesagt, dass Sie damit gehadert haben.

Zweifel gehören zu jedem Lebensweg, es gibt keine Gewissheit. Man lebt im Ungefähren, das Ungefähre ist das, was das Theater ausmacht. Ganz klar, dass man sich auf die Suche nach mehr Verbindlichkeit macht im Leben, spätestens wenn einem dann mal der Wind ins Gesicht bläst. Das kennt doch jeder, man bleibt immer der Lernende in der Schule des Lebens.

Das heißt, über eine so lange Karriere wie Ihre verändert sich nicht das Motiv, sondern das Ungefähre, man bleibt der Lernende.

Ja sicher und vor allem wird einem das sehr schnell bewusst. So viel können Sie ja gar nicht aufschnappen, dass Sie den Hals nicht irgendwann vollkriegen. Das wäre ja lächerlich. Außerdem irren Sie sich ja am laufenden Band. Ich habe zum Beispiel in den letzten Monaten gemerkt, dass ich ein wirklich funktionierender „Untertan“ bin (lacht). Ich mache das, was mir gesagt wird. Aber nach einiger Zeit merkt man: Man hält sich lieber nicht an die, die sagen „das und das ist zu machen“, sondern an die, die sagen: „Es wäre gut, wenn Sie das und jenes so machen würden, aber wir sind nicht sicher.“ Mit denen kann ich. Und dann bin ich auch kein Untertan mehr, sondern ein Bürger. Wir sind im Gespräch und ich denke, ja, da müssen wir gemeinsam durch und schauen, dass wir uns gegenseitig im Blick behalten. So läuft das im Leben.

Ihre Eltern haben Sie bei Ihrem Berufswunsch unterstützt.

Meine Mutter hat alles unterstützt. Mein Vater war nicht so glücklich damit, aber er sagte: „Gut, mach das, aber Du gehst auf eine ordentliche Schule oder Universität in Deutschland. Und du kommst übers Wochenende hierher, damit ich Dir das ausreden kann.“ Ich bin dann in Stuttgart auf die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und am Wochenende war ich zuhause. Ich wusste natürlich, dahinter stand die Sorge, weil die Schauspielerei ja keine gemähte Wiese ist, wie man bei uns sagt. Das ist sie heute vielleicht noch weniger.

Weshalb hatten Sie dann Ihr Schauspielstudium in Stuttgart abgebrochen?

Ich war im zweiten Semester, als meine Frau ein Kind bekam. Da musste ich Geld verdienen und bin in mein erstes Engagement nach Tübingen ans Landestheater gegangen. Von da an ging es schnell, gleich im nächsten Jahr war ich in Salzburg und habe dort wunderbare Rollen gespielt, danach kam das Staatstheater in München, ich spielte in „Romeo und Julia“. Da war sehr viel Glück im Spiel. Wenn man es erzählt, dann schaut es immer so einfach aus. Aber der Wind war für mich günstig und die Menschen, die mich begleiteten, haben es fast immer gut mit mir gemeint.

Schon 1972 wurden Sie Ensemble-Mitglied am Burgtheater in Wien.

Als dieses Engagement auf mich zu kam, wusste ich nicht, ob das vielleicht noch zu früh für mich ist. Aber ich wollte mich schon damals nicht selber aufhalten. Zunächst spielte ich „Bacchus“ am Akademie-Theater, danach dann gab ich mein Debüt in „Don Carlos“ an der „Burg“. Bald feiere ich mein fünfzigjähriges Jubiläum.

Und wegen des Vorhangverbots waren Sie derjenige, der am Ende als Debütant vor dem Vorhang stand.

Da stehen die fantastischen Kollegen hinten und ich gehe nach vorne und bekomme als Einziger einen riesigen Applaus – das war schon damals absurd. Ich habe es dennoch sehr genossen: Der Klaus aus Altaussee steht da plötzlich im Burgtheater und ist Don Carlos. Ich bin in solchen Momenten sehr dankbar. Weil ich weiß, dass es auch anders hätte kommen können.

Was ist ein Tag ohne Auftritt?

Ich bin froh, dass es solche Tage gibt. Denn wenn ich abends den Hamlet, Nathan, Don Carlos oder wen auch immer spiele, beginnt schon der Tag damit. Da machst du die Augen auf und dein erster Gedanke ist: Heute Abend ist Vorstellung! Und dann, vor allen Dingen, das habe ich bis heute noch nicht ablegen können, begleitet mich den ganzen Tag der Gedanke: Ich möchte am Abend so gerne gut sein. Aber kein Abend ist wie der andere, bei mir schon gar nicht, auch das Publikum ist anders, es muss so viel zusammenkommen, dass es sich findet.

Wenn Sie mit Lesungen unterwegs sind, ist das dann einfacher?

Ja, das mache ich sehr gern. Am liebsten, wenn noch Musik dabei ist. Sie wissen, dass diejenigen, die kommen, sie sehen wollen. Dann ist es leichter, denn das sind Freunde, die man gar nicht kennt.

Wie ist denn das jetzt in Corona-Zeiten: Veranstaltungen werden abgesagt oder aufgeführt mit ausgedünntem Publikum.

Ich habe, wo es möglich war, meine Termine mit Lesungen wahrgenommen. Aber es mussten auch zwei große Konzert-Tourneen zum Teil abgesagt und zum Teil verschoben werden. Das geht ja der ganzen Branche so. Man schaut einfach, dass man es gesund überlebt. Ich war bei mir zu Hause in Altaussee mit der Familie und habe die Zeit genutzt, zum Beispiel auch um endlich auch mal wieder selbst mehr zu lesen.

Sie haben insgesamt nicht viel für Film und Fernsehen gearbeitet. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Es muss mich interessieren, ich muss zumindest einen Teil der Figur für mich selber nachvollziehen können, es muss etwas in mir zum Klingen bringen. Da fallen manche Dinge schon mal raus. Und das gesamte Drehbuch ist natürlich wichtig, ich schaue grundsätzlich nie nur nach der Rolle, die ich spielen soll, sondern nach dem großen und ganzen Zusammenhang.

Große Bekanntheit erreichten Sie 1981 mit dem Film „Mephisto“ von István Szabó.

Als Gustaf Gründgens 1963 starb, war ich gerade in Tübingen in meinem ersten Theater-engagement. Natürlich sprachen wir darüber in der Garderobe. Mir empfahl jemand „Mephisto“ von Klaus Mann. Also bin ich in die Buchhandlung. „Des isch auf dem Index, des isch verboten, gell“, sagte mir der Buchhändler. Ich wollte schon wieder gehen, da legte er mir das Buch auf den Tisch. Ich las es und fand es aufregend. Und dann ruft mich zehn Jahre später jemand an und sagt: „Herr Brandauer, ich würde gerne, dass „Mephisto“ von Klaus Mann …“ – ich weiß nicht, ob ich ihn da schon unterbrochen habe, ich sagte jedenfalls sofort zu. Ich wusste, das ist etwas für mich.

Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?

Wir drehten in Budapest. Das war unglaublich, das war damals so etwas wie die Schweiz des Ostens. Es gab russische, polnische, ungarische Schauspieler, ein unbeschreibliches Sammelsurium an Leuten, Schauspielern, eine fantastische Crew. Die Leute waren sensationell ausgebildet. Und Ungarn war damals ein Land, das im Jahr zehn richtig große Filme produzierte. Das gibt es heute nicht mehr. Vor allem aber, und das steht mir eigentlich gar nicht zu, das zu sagen, hatten wir mit István Szabó einen großartigen, fachlich phänomenalen Regisseur. Es gibt leise, leiser, am leisesten. Er ist am leisesten gewesen im Leben und bei der Arbeit und hat dabei so viel bewerkstelligt.

Der Film erhielt 1983 den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Auch das war ein Riesenglück. Es war geplant, dass der Film zunächst im Fernsehen zu sehen ist. Wäre das passiert, wäre er 1981 nie zu den Filmfestspielen nach Cannes eingeladen worden. Und einen Oscar hätte er auch nicht gewinnen können.

Wie ging es weiter?

Sehr ärgerlich, denn ich bekam einen KZ-Kommandeur oder Nazi-Offizier nach dem anderen angeboten. Das ging für mich überhaupt nicht, nach „Mephisto“ dann so etwas zu spielen. Ich halte mich bis heute daran. Vier Jahre später kam dann, wieder unter der Regie von István Szabó, „Oberst Redl“. Für mich ist das mein bester Film. Einen Schauspieler von einem Schauspieler spielen zu lassen, wie bei Mephisto – da fühlt man sich zu Hause. Redl, der kleine Eisenbahner-Sohn, machte Karriere ohne zu wissen, wie es funktioniert. Das war fast wie bei mir.

Die 80er waren ein intensives Jahrzehnt für Sie. Sie waren der Bösewicht in „Sag niemals nie“, Sie bekamen einen Golden Globe für „Jenseits von Afrika“ - und standen daneben weiter auf der Bühne.

Ich habe den Erfolg sehr genossen, das hat mir alles große Freude bereitet. Aber er konnte mich nicht daran hindern, weiter Theater zu spielen. Ich bin von Dreharbeiten am Freitagabend von Nairobi nach Paris geflogen, von Paris am nächsten Tag in der Frühe nach Wien und habe das Wochenende dort Hamlet gespielt. Das stand für mich außer Frage damals und wenn ich heute daran zurückdenke, dann wird mir ganz schwindelig.

Anfang Januar sind Sie nach langer Fernsehabstinenz in einem Fernseh-Event zu sehen. Sie spielen neben Bjarne Mädel die Hauptrolle in „Ferdinand von Schirach: Feinde“. Was hat Sie daran interessiert?

Mein Verständnis von meinem Beruf habe ich schon angedeutet, wir sitzen zu Gericht. Das Drehbuch hat mich gleich gefesselt, es geht um einen ziemlich heftigen Fall. Ich fand es spannend, mich mit der Frage, was Recht ist und was Gerechtigkeit, zu beschäftigen. Außerdem ganz wichtig: Rechtsanwalt Konrad Biegler, den ich spiele, ist ein Epikureer, er isst gern, er raucht gern, das hat mir gefallen.

Ihre Figur raucht tatsächlich ziemlich viel.

Ja, aber das hat mich nicht umgehauen, obwohl ich vor zwanzig Jahren aufgehört habe zu rauchen. Ich habe einfach nicht inhaliert. Hab ich doch ganz gut gemacht, oder? (lacht). Biegler ist ja nicht nur exzellenter Rechtsanwalt und Strafverteidiger, er ist am Ende auch nur ein Mensch. Ich verstehe ihn sehr gut, man muss leben. Man braucht eine Gegenwelt.

Das merkt man, als seine Frau, die mit der Familie des Opfers befreundet ist, versucht ihn zu überzeugen, das Mandat nicht anzunehmen.

Das kommt für Biegler nicht in Frage, so etwas würde er nie in Erwägung ziehen. Er hat das Mandat angenommen und setzt all seine Kraft und Erfahrung ein. Am Ende sitzt er mit seiner Frau im Auto und sagt: Nicht ich habe gewonnen, der Rechtsstaat hat gewonnen. Das steht für ihn an erster Stelle. Für mich ist das der zentrale Satz des Films.

Der Rechtsanwalt muss die Gesetze im Sinne seines Mandanten anwenden.

Rechtsanwalt zu sein bedeutet für Biegler, dem Recht zu dienen. Als Anwalt muss er mit den Buchstaben des Gesetzes umgehen, jemanden verteidigen und ein Gericht muss Recht sprechen. Ich sage nicht, dass das einfach ist.

Im Kern geht es in den beiden Filmen um die Frage, was Recht und was Gerechtigkeit ist und wie sich beide unterscheiden können.

Es werden millionenfach, täglich, Urteile gefällt: Die ist schön, der ist so hässlich, der ist ein netter Kerl. Die spielen so beschissen, jetzt gewinnen die 1:0, das hätte ich aber nicht gedacht. Wenn sie manchmal beim Tennis oder Fußball den Ton abdrehen: Sie sehen etwas Anderes als der Kommentator. Jeder richtet sich das irgendwie so ein, wie es ihm passt. Deshalb ist es wichtig, dass es ein Grundgesetz, dass es eine Rechtsordnung gibt. Es geht nicht ohne, sonst funktioniert das Zusammenleben nicht.

Was als gerecht empfunden wird, entspricht nicht zwangsläufig dem Recht.

Nein, kann es auch gar nicht. Schauen Sie mal bei manchen Prozessen, was zum Beispiel Zeitungen in die eine oder die andere Richtung schreiben. Da wird Mit-Recht gesprochen. Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Das muss in den Gerichten bleiben. Trotzdem kann man natürlich seine Meinung zu dem ein oder anderen Fall haben. Mit unseren Filmen kann man sich selbst hinterfragen, wodurch man sich in seiner Meinung beeinflussen lässt. Es geht eben nicht nur ums persönliche Rechtsempfinden, denn es gibt Regeln und Gesetze.

Man merkt es ja an bestimmten Ländern, welche Folgen es hat, wenn das Recht systematisch ausgehöhlt und von Regierungen subjektiv gestaltet wird.

Ja genau, es ist eine Grundvoraussetzung für jegliche funktionierende Form der Rechtsprechung, dass sie für alle gleichermaßen gilt. Und es gibt Menschenrechte, die gelten universell. Daran muss man sich orientieren und dafür muss man andere in die Pflicht nehmen, auch wenn das manchmal unbequem ist.

Was soll mit den Zuschauern passieren, die die Filme sehen?

Der Zuschauer soll sich die beiden Filme ansehen und dann eine eigene Meinung bilden. Und zwar nicht vorschnell, wie sonst so oft, sondern nach gründlichem Abwägen. Er muss sich auf die beiden Blickwinkel der Geschichte einlassen und dann selber positionieren. Das klingt fast ein bisschen wie Arbeit und das ist es vielleicht auch. Viel zu schnell tappen wir in Fallen, die wir uns selber aufgestellt haben.

Ihr Vater hätte Sie gerne im Jurastudium gesehen. Wäre das etwas für Sie gewesen?

Ja, so war es. Aber es ist inzwischen müßig, darüber nachzudenken. Ich kenne einige Menschen, die Rechtsanwälte sind und habe höchsten Respekt vor deren Arbeit.

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